WESTWERK

VERSTÄRKER

WESTWERK VERSTÄRKER

c/o Ulrich Dörrie

Michaelisbrücke 3

20459 Hamburg

Drei Wochen essentielles Westwerk. Das Gefühl, dass etwas gelungen ist, womit so keiner gerechnet hat.
Es passte alles zusammen. Die Grundlage für alles waren
die Gespräche, die vor Jahren mit vielen aus Westwerk und seinem Umkreis geführt wurden, zu denen jeder eingeladen und gelockt wurde, seine Sicht auf die Entstehung und Wirkungsweise dieses verwunderlichen Ortes zu geben.
Als es darum ging, den 30. Geburtstag zu begehen, wuchs sich dieses aus zu einer Darstellung, der der Text zunächst abhanden gekommen war: eine Unmenge von Bildern,
vieles bewegt, ansonsten in weiten Loops wiederkehrend,
die Geschichte einer Gruppe selbst- und verliebter junger Menschen beschreibend, die überwältigt waren von einem Ort und den Möglichkeiten, die er ihnen bot, und die im selben Moment die große Herausforderung gespürt haben, die dieser an sie stellte, nämlich zu zeigen, dass sie ihm, diesem Ort, gewachsen sind.

So war der Betrachter umgeben von dieser sich perma-
nent wandelnden Bildlandschaft, technisch gesprochen waren fünf oder sechs Diakarusselle und acht oder neun Videobeamer im Dauereinsatz. Immer wieder sah man den Ort, den Raum, in dem man gerade stand, als Bühne für andere. Bildende Künstler, die ihn verwandelten in eine Dialoglandschaft mit ihrer eigenen Vorstellungswelt; Musiker, deren Wirken man nicht hören konnte, nur sehen, wie sie sich in dem vergaßen, was sie mitzuteilen hatten.
A place to share.

Dazu reichlich typografisches und textliches Perlen-
tauchen, das ahnen ließ, wie man Prä-Internet-Propaganda für Abseitiges betrieb. Meist zu schnell wieder weg. Und immer wieder dieselben Gestalten und Gestaltenden, in ihrem Enthusiasmus und ihrer Ignoranz. Zu persönlich? Wohl kaum, denn genau dies beschreibt den Motor, der diesen nie beabsichtigten Festtag ermöglicht hat. Die andauernde Bereitschaft, einander zu begeistern und aneinander zu zweifeln.

Und die Texte, von denen alles ausging, wo waren sie geblieben? Sie hingen an zwei Säulen von der Decke herab, in Gestalt von alten Telefonen in grün, orange und grau mit ihren herabbaumelnden Hörern, aus denen im Dauerbetrieb einzelne Statements von Beteiligten und Betrachtern zu hören waren. Mit jeweils losem thematischen Fokus
ließen die Stimmen den Zuhörenden, die sich einen der

 verlockend plappernden Hörer ans Ohr hielten,  an den jeweiligen Weltwinkeln teilhaben, von denen aus das Enterprise Westwerk in strahlender Widersprüchlichkeit betreten, betrieben und kommentiert wurde. Zusammen mit dem Bilderkosmos war für jeden die spezielle Luft zu atmen, aus der Größeres entstehen kann, als der Einzelne es sich auch nur vorzustellen vermag

 

Und neun Tage nach der Eröffnung: ANRISS, der Nachweis in der Jetztzeit. Fünf Bühnen, mit dem zeitweise einbezogenen Treppenhaus sechs, einund-
sechzig Musiker, sechsundzwanzig Formationen mit je zwanzig Minuten Spielzeit. Beginn nachmittags um sechs, Ende morgens um halb fünf. Es geht nicht um den Nabel und um Nostalgie. Es geht darum, was der Ort heute alles (sein) kann. Eingangs, inmitten und am
Ende wurde von allen Orten aus gemeinsam gespielt. Jeder für sich und die nächsten, die zu hören waren und es hören konnten; im Vertrauen darauf, dass das Ganze, das für niemanden auf einmal zu erfassen war, einen Zusammenklang ergibt.

Weiter liefen die Bilder über die Wände, weiter plapperten die baumelnden Telefonhörer. Die verschiedenen Spiel-
orte wirkten selbstverständlich und aufgehoben, wie hineingezaubert in die gesamte Installation. Musiken,
wie sie verschiedener kaum hätten sein können, durchweg von Leuten, die dem Hause in all den Jahren verbunden waren. Und es wirkte nie wie eine Leistungs-
schau, es ging nie um einen Eintrag ins Guinness-Buch, sondern immer um Musik, mal laut, mal schräg, mal
leise, mal introvertiert, mal dominant, mal bizarr, mal versponnen, mal sexy. Und der Energiepegel blieb hoch und die Leute blieben wach bis zuletzt. Jetztzeit, zu persönlich? Genau darum geht es und ist es immer gegangen: Was da zusammenkam war mehr, als ein, zwei, drei Leute hätten planen können; mehr sogar als die Unterstützung, die von den restlichen »Westwerkern« kam. Es war das fast traumwandlerisch anmutende Zusammenspiel zwischen den Menschen und dem Ort, der diese Möglichkeiten bietet, wenn man sie nur wahr-
nimmt und annimmt. Ein dreißigster Geburtstag, der Aufbruchsstimmung verbreitet – was will man mehr?